Björn Sonnenberg | Krummsee | 26.8.2024
Anmerkungen zum LN-Artikel „Ritterschlag“: Großer Zuspruch für Lakeside Resort in Malente
Lübecker Nachrichten 24.8.2024
Eine Planung von Star-Architekt Hadi Teherani sei wie ein „Ritterschlag“, so der Bürgermeister der Gemeinde Malente, Heiko Godow.
Ich weiß nicht, welche aktiven Erfahrungen der Bürgermeister selbst mit öffentlich zugänglicher Teherani-Architektur gemacht hat. Man kann in Hamburg anfangen.
Ja, ich stieg schon mal auf das Dockland im Hamburger Hafen.
Ja, ich stand schon mal vor den tanzenden Türmen. (Aufregender ist die davor befindliche Klappe zum unterirdischen Mojo-Club, auch von Teherani, der mir als Location sehr gut gefiel.)
Die Kranhäuser in Köln kenne ich vom Vorbeifahren mit dem Zug oder aus dem Tatort.
Allen gemeinsam ist die klar lesbare Metaphorik: Dockland = Megayacht, Tanzende Türme = Dancing = Spaß auf der Reeperbahn, Kranhäuser Köln = nun ja, abstraktere Versionen nach vorn auskragender Kranhäuser eben, kann man heute z.B. noch beim Danziger Krantor studieren.
Nichtsdestotrotz entwickelt Teherani ohne Frage auch weniger plakative, schöne Gebäude und Interieurs. Ein erfolgreicher, international tätiger Environment-Konzern.
Nun Krummsee.
Wer sich für Architektur interessiert: Die Spirale mit begehbarem, begrünten Dach hatten wir schon. Sie steht in Darmstadt, heißt „Waldspirale“, und wurde 2000 nach Plänen von Friedensreich Hundertwasser mit einer Decke aus Recycling-Beton errichtet. Nach Hundertwasser-Manier viel verspielter natürlich, aber: gleiche Idee.
Viel interessanter hingegen als über den – wie immer interpretierbaren – architektonischen Output zu diskutieren, ist eher die jüngst im Spiegel (31/2024) vorgestellte Agenda von Hadi Teherani. Sinngemäß: Reichtum muss in Deutschland wieder mehr Spaß machen. (Und er stellt sich dieser Aufgabe.)
Das erklärt vermutlich auch die exorbitant hohen Errichtungskosten pro Wohneinheit des Lakeside Resorts, die mit kaum einem anderen Luxus-Resort in SH vergleichbar sind. Man darf annehmen, dass DIESE – neben den Basiskosten für Abriss und Anschluss an die öffentliche Infrastruktur – eine wirtschaftliche Verkleinerung des Lakeside Resorts verhindern, eine kleinere, einfühlsamere, dem Ort angemessenere Dimension.
Nach wiederholter Aussage kann das Lakeside Resort baulich und wirtschaftlich nicht verkleinert werden.
Natürlich können wir alle nicht in diese Rechnung hineinschauen, (wohl) auch die Gemeinde nicht. Gerade deshalb wäre eine vorausgehende, hoheitliche Rahmensetzung durch die Gemeinde sehr angeraten gewesen, anstatt sich von einem ersten Wurf „flashen“, dann im Laufe des Planungsverfahrens durch den Renditeplan des Vorhabenträgers treiben zu lassen. Der Vorhabenträger hätte dann sein Geschäftsmodell in diese Rahmensetzung hinein modellieren müssen.
Stattdessen ist nun folgende Chronologie entstanden: Im Rahmen der frühen Öffentlichkeitsbeteiligung (öffentliche Diskussion Kursaal, Landesfinanzschule + Auslage im Bauamt) wurde das Projekt als minimal-invasive Neubebauung des LVA-Geländes dargestellt und erfuhr u.a. auch deshalb Zustimmung. Beispiel: Bauhöhe 18,5 m über Gelände.
Inzwischen sind es nach Intervention der Unteren Naturschutzbehörde (größerer Abstand vom Peverlingsee!) und mit Skybar 25,5 m, ebenfalls abgesegnet durch den Bauauschuss. Jeder private Bauherr mag sich fragen, wie leicht er seine Hütte um 7 m erhöhen darf. In Krummsee ist es möglich.
Inzwischen geht es um 4 sogenannte "Seehäuser" am Ortseingang von Krummsee, im November waren es 3.
Inzwischen ist es um andere in der Landesfinanzschule gestreute Goodies ruhiger bis still geworden, z.B. die Mitversorgung von Krummsee durch Solarstrom.
Und so weiter.
Man könnte „Ritterschlag“ daher anders interpretieren: Der Vorhabenträger unterbreitet einer klammen Kommune ein Alles-oder-Nichts-Angebot. Die Kommune akzeptiert nicht nur den Entwurf, sondern auch die gesamte Einbahnstraßen-Konstellation und hat nun kaum noch Spielraum für eine einschränkende Rahmensetzung.
Ergänzend: Das Baugesetz verlangt unter § 3 bezüglich Beteiligung der Öffentlichkeit:
„Die Öffentlichkeit ist möglichst frühzeitig über die allgemeinen Ziele und Zwecke der Planung, sich wesentlich unterscheidende Lösungen, die für die Neugestaltung oder Entwicklung eines Gebiets in Betracht kommen, und die voraussichtlichen Auswirkungen der Planung öffentlich zu unterrichten; ihr ist Gelegenheit zur Äußerung und Erörterung zu geben.“
Auch die Anforderung, „sich wesentlich unterscheidende Lösungen“ zu eruieren, ist durch den Ritterschlag kaum mehr zu erfüllen.
Eine letzte Anmerkung zur Metapher des Bürgermeisters: Im ursprünglichen Sinne honoriert der Ritterschlag ein (feudales) Verdienst. Malente, bzw. das LVA-Gelände, hat bisher nichts getan, außer hinreichend zu verfallen.
Man sollte das Ganze also nüchterner betrachten: Das LVA Gelände (= Lost Place + extrem entgegenkommende Gemeinde) ist einfach eine gute Opportunity für einen internationalen Architektur- und Designkonzern. Der Vertreter des Vorhabenträgers, Herr Desbois-Daniel, machte es ja auf der Veranstaltung in der Landesfinanzschule deutlich: Wenn wir es hier nicht machen können, machen wir es eben woanders.
So viel zur „fast logischen Ableitung aus dem Landschaftsthema“, die der Bürgermeister sieht bzw. aus den Unterlagen des Investors zitiert. Das Lakeside Resort in seiner geplanten Dimension und organischen, generischen Formensprache könnte in Wahrheit überall stehen, wo die Voraussetzungen (wirklich!) gegeben sind – und das darf es auch gern.
P.S.: Lieber Herr Hadi Teherani: Bitte machen Sie einen zweiten Entwurf, der wirklich als guter, freundlicher Nachbar zu Krummsee, Sielbeck, dem Landschaftsschutzgebiet sowie den infrastrukturellen Voraussetzungen passt und die Gemeinde aus dieser Situation befreit. Wir sind sicher, dass Sie das drauf haben!
Falls auch für Sie noch wichtige Fragen offen sind, Sie sich von den Planungen in besonderer Weise betroffen fühlen oder einfach mal Ihre persönliche Sicht teilen wollen: Schreiben Sie uns.