Björn Sonnenberg | Krummsee | 24.11.2024

Am vergangenen Mittwoch mal wieder Teherani in Malente, mal wieder Kursaal, eine Veranstaltung der Wirtschaftsvereinigung Malente (WVM).
Ich half gerade, den Stand der Initiative Kellersee abzubauen. Das abgesperrte Brahmberg-Souterrain, die Dunkelheit, die ausgeschaltete Leuchtschrift Venezia: tristes Malente im Spätherbst.
Gegenüber wurde das Catering für die 120 Gäste der Veranstaltung angeliefert. Der Catering-Service hieß IMMERSATT. Das war catchy, und ich habe den Laden gleich gegoogelt. Kommt aus Ahrensbök. Betreibt Lieferservice UND ein stationäres Imbissrestaurant. Tolles Finger Food, urbane Aufmachung, gutes Fotodesign. Immersatt – ohne davon selbst gekostet zu haben – wirkte gleich sehr toll. Eine (1) Produktion, die über zwei Kanäle vertrieben wird, Imbissrestaurant volatil, Catering planbar. Wer möchte, kann zuhause feiern oder in den Immersatt-Locations. Die Zutaten lokal, vom eigenen Höfenetzwerk, ganze Lieferkette unter einem Dach, ziemlich bio. Megaschlauer Ansatz. Hier der Link.
Und ich fragte mich: Gibt es denn in ganz Malente keinen eigenen Catering-Anbieter für diesen Anlass? Wär’s zu teuer oder nicht so lecker? Gibt es einen solchen Anbieter, aber sind seine Spanferkel, Schlachteplatten und Sauerkraut vielleicht einfach nicht mehr so salonfähig? Wie viel Kohle (und Gewerbesteuer) hätten an diesem Abend in Malente bleiben können, WENN es ein solches Malenter Unternehmen gäbe?
An der (geschlossenen) Veranstaltung hätte ich auch gern teilgenommen. Ich würde gern verstehen, warum sich der Kreis drinnen für eine begehbare Spirale begeistert, die an bestimmte Minigolfbahnen erinnert, Loch 17 oder so. Aber ich bin weder Mitglied der Wirtschaftsvereinigung Malente e.V., noch gewerbesteuerpflichtig. Letzteres muss wohl die Eintrittskarte für den Malenter Wirtschafts- und Politikbetrieb sein.
Also aushilfsweise der OHA vom 22.11.2024 mit dem passenden Titel:
Zu groß, um zu scheitern? Die Berichterstattung deckte sich einigermaßen mit den Eindrücken mir bekannter Teilnehmer*innen. Wieder haben sich Teherani und Wirtschaftslobby am Lakeside hochgejazzt. Gemeindevertreter*innen waren auch dabei, zumindest am Immersatt-Buffet. Das Planungsverfahren zieht sich in die Länge, die Wirtschaftlichkeit steht auf der Kippe. Deshalb ging es bei diesem Treffen wohl vor allem um kollektiven Motivationsschub und Selbstvergewisserung.
Zum Warmmachen wieder Teherani-Portfolio: Die Kranhäuser seien jetzt das Wahrzeichen von Köln. Ich habe natürlich gleich die Verwandtschaft in Köln angerufen, die lachte herzlich. Dann wieder Krallerhof: Ein Teherani-Spa reanimiert ein abgelegenes Berghotel. Interessant am Case eher, dass Teherani dort ja nur die Architektur macht, aber nicht die Wirtschaftlichkeit verantwortet. Im Gegensatz zum Lakeside, wo seine Crew ja (erstmals) auch das Betreiberkonzept zu entwickeln versucht. Immer noch wird nach einem Hotelier gefahndet, der sich die Megaspirale zwanzig Jahre ans Bein bindet. Vielleicht liegt hier schon das Kernproblem: architekturgetriebene Dimensionen, utopische Vorstellungen.
Schließlich wieder Bilbao-Bla-Bla: Malente durch die Teherani-Spirale weltbekannt machen.
Ich frage mich: Wer hat eigentlich Teherani diese Aufgabe gestellt?
Wer hat darum gebeten? Woher dieser Größenwahn, der gerade Malente befällt? Herr Teherani hat gerade die 70 überschritten, er will noch etwas Ikonisches droppen, na gut. Aber muss das ausgerechnet hier bei mir in Krummsee sein? Teherani ist halt leider nicht Frank Gehry, Peter Zumthor oder die wirklich progressiv-nachhaltige Anna Heringer.
Dass es sich bei den jüngeren und kommenden Architektur-Landmarks Nordeuropas eher um smarte Umnutzungen von Bestands- als um Neubauten handelt, wäre ein wichtiger Hinweis gerade in Bezug auf das LVA-Gelände, vielleicht auch für Teherani himself. Beispiel Hochbunker Heiligengeistfeld Hamburg, Beispiel Müllverbrennungsanlage CopenHill in Kopenhagen. Der Bestand wird – wo möglich – aufgenommen, weitergedacht und zu etwas spektakulär Neuem transfomiert. DARÜBER reden die Leute – denn hier werden echte Probleme mit einem minimierten CO2 footprint und neuem Mehrwert gelöst – nicht über Krallerhof und Kranhaus.
Dass Malenter Politik und Wirtschaft jetzt allen einreden, ein Aufschwung für Malente und Region sei NUR durch den Teherani-Monstermagneten möglich, verdeckt die Verantwortung für den von ihr selbst 30 Jahre lang verpassten Strukturwandel.
Zur Erinnerung: Dramatischer Rückgang des Bädertourismus nach Wiedervereinigung 1990, Entstehung des Online-Handels und darauf folgende Marginalisierung des stationären Einzelhandels (außer Lebensmittel), demografischer Wandel und Überalterung.
Natürlich sind das keine Peanuts, Malente ist es hier ebenso ergangen wie anderen Gemeinden und Kleinstädten. Teherani soll es aber jetzt raushauen. Malente träumt davon, dass sein Strukturproblem in Krummsee gelöst wird. Und zwar auf einen Schlag.
Die anregenden Effekte auf die Malenter Wirtschaft sind jedoch höchst fraglich
Hotelketten der Lakeside-Kategorie bringen ihr Middle Management mit, sowie ihre Dienstleister. Die Wäsche wird nicht in Malente gewaschen, auch nicht gebügelt. Die Servicekräfte werden nicht in Malente gecastet, sondern von internationalen Recruitern bestückt. Vielleicht darf Firma Buchwald zusätzlich die Gestecke machen oder in Abwesenheit der Wohnungseigentümer*innen die Topfpflanzen gießen – ich wünsche ihr von Herzen, dass der Standort nicht durch die 3- bis 4-jährige Bauphase nebenan Schaden nimmt. Und wer in Malente hatte eh schon vor, seine Kinder zur Reinigungskraft auszubilden zu lassen?
Primär mag das Lakeside einigen lokalen Unternehmen nützen: Betreiber von Seefahrten, Kiesgruben, Deponien. Wirklich am Gemeinwohl interessierte Politiker*innen – und dazu gehört auch Solidarität mit den in Krummsee und Sielbeck direkt betroffen Anlieger*innen – würden zunächst nach einem existierenden Beleg fragen: Zeigt uns bitte ein Beispiel, wo ein Luxus-Resort eine Region oder zumindest eine benachbarte Kleinstadt belebt hat. Wie viel Gewerbesteuer wird in der auszuklügelnden Investor-Pächter-Konstellation am Ende wirklich für Malente rumkommen? Vor allem, wenn der Hotelteil mittelfristig floppt? Wie ausgeschlossen ist es, dass es beim Floppen des Hotelteils statt zum Bilbao-Effekt zum Intermar-Effekt kommt: Veräußerung und Umwidmung von Hotelzimmern zu Ferienwohnungen, zersplitterte Eigentümerstruktur, Ausfall der Gewerbesteuer, Unmanagebility.
Und selbst wenn das Lakeside den gehobenen Dienstleistungsbedarf nicht selbst monetarisiert, sondern Teile an Malente abdrückt: Dass dieser Elfmeter (Hinnerk Frahm) von den Mitglieder*innen der Wirtschaftsvereinigung Malente selbst reingemacht würde, kann ich nicht erkennen. Der Testballon Immenhof widerlegt dies täglich. Der genannte Fall Immersatt zeigt es.
Die Klientel des Lakeside Resorts wird den Kontrastumfang für Malente eher noch einmal erhöhen. Malente wird sich durch das Lakeside nicht nach oben transformieren, sondern selbst endgültig nach unten aussortieren. Die Malente-Classics Bootsfahrt, Räucherschinken und Kneipp wirken jetzt schon altmodisch und werden von den kommenden Luxustouristen eher belächelt werden. Ein Sportbekleidungsgeschäft in der Bahnhofsstraße wird nicht zum Prada Outlet. Und wie viel Front Row Bahnhofstraße muss kaschiert werden, damit 1 Maserati zum Brötchenholen anhält? Der Malenter Produktpalette fehlen nicht mehr Käufer*innen. Ihr fehlt kulturelles Kapital. Die Wirtschaftsvereinigung träumt von einer Liga, in der sie selbst gar nicht mitspielen kann.
Vor allem verpassen Malenter Wirtschaft und Politik gerade wieder eine Transformationschance
Mit den Corona-Jahren hat sich das Work-Life-Modell in vielen Branchen grundlegend und bleibend gewandelt. Wohn- und Arbeitsort müssen immer weniger zusammen fallen. Dies bringt Menschen mit hohen Einkommen und Kaufkraft nach Malente, der immer noch anhaltende Zuzug aus Hamburg und Restdeutschland zeigt es. Zugleich steht ein Generationswechsel für die Nachkriegsimmobilien an mitsamt hohem energetischem Beratungs- und Sanierungsbedarf. Modelle von Alters-WGs entstehen: Dies lindert zum einen die Alterseinsamkeit und erleichtert die Versorgung, zum anderen wird Wohnraum für jüngere Familien frei. Politik und Verwaltung können diese Prozesse durch unbürokratisches Ansiedlungsmanagement und Kontaktanbahnung unterstützen, andernorts geschieht es bereits.
Malente braucht keine Teherani-Spirale um sich wiederzubeleben. Dafür genügen Glasfaser, Kindergartenplätze und kleinere, smartere, authentische Anziehungspunkte, die Alt-Malenter*innen und Zugezogene vernetzen – die Malente lebenswerter machen. Dazu genügt 1 progressives, enttantetes Café, 1 Non-Shisha-Bar, 1 appetitlicher Lieferservice. Man schaue nach Eutin, auf die kleinen, liebevoll improvisierten Newcomer: Tohuus, Kajott und Karamba ziehen frisches, urbanes Publikum an, die Schlossküche hat dichtgemacht.
Die Lösung für Malente ist nicht mehr oder höherpreisiger Tourismus. Die Lösung ist: unabhängiger vom Tourismus zu werden.
Es sollte nicht darum gehen, noch mehr für Tourist*innen zu tun, sondern endlich mal etwas Zeitgemäßes für die alten und neuen Malenter*innen zu tun. Vielleicht kann sich die WVM erstmal dieser Aufgabe (und Wertschöpfung) stellen, bevor sie Teherani-Phantasien ausagiert. Vielleicht kann die WVM, die die Malenter Stagnation mitzuverantworten hat, erstmal ihre Hausaufgaben machen, bevor sie als Trittbrettfahrer für einen Multi-Millionenbau lobbyiert.
Für mich als Krummseer in Sicht- und Hörweite einer 3 bis 4-jährigen Baustelle, in Sicht- und Hörweite der den mutmaßlich 650 geplanten Betten* rund um die Uhr Gäste zuführenden Rövkampallee ist die kollektive Begeisterung im Kursaal schwer erträglich. Ebenso schwer erträglich ist die breitbeinige Erklärung einiger Gemeindevertreter*innen, die bisherigen, von ihr durchgewinkten ersten Pläne gar nicht zur Detailkenntnis nehmen zu müssen. Schwer erträglich sind die sich immer mehr bestätigenden Züge von Malenter Postdemokratie: Das Verfahren mag zwar eingehalten sein, die Dimension aber wird der Debatte entzogen.
Teherani-Mitarbeiter Desbois-Daniel erklärte dann ja (laut OHA) auch bildlich: Wäre der Kölner Dom kleiner geplant worden, wäre er vermutlich keine Touristenattraktion.
Vielleicht sollte man dazu abschließend alle, die – inspiriert von Teherani –die Spirale (und Malente) schon auf UNESCO-Weltkulturerbe-Level sehen, noch einmal an die laaaaaange Baugeschichte des Kölner Doms erinnern:
Baubeginn 1248
Baustopp 1528
Fertigstellung 1880
mit rettendem Kapital aus diversen staatlichen und privaten Quellen
Während dieses 300-jährigen Baustopps haben sich die Kölner*innen seeeeehr für ihre Bauruine geschämt. Auch dies fest im kulturellen Gedächtnis der Stadt verankert. Auch dies telefonisch von der Verwandtschaft aus Köln.
*Anmerkung
Leider hat der OHA wieder Betten und Einheiten verwechselt. In den bisherigen Eckdaten ist von 220 Einheiten die Rede. In den im April 2024 veröffentlichten Plänen lassen sich ca. 650 Betten auszählen. Die finale Anzahl von Betten steht immer noch nicht fest, wie der Bürgermeister der Gemeinde Malente im Gespräch mit der Initiative Kellersee bestätigt hat.
Falls auch für Sie noch wichtige Fragen offen sind, Sie sich von den Planungen in besonderer Weise betroffen fühlen oder einfach mal Ihre persönliche Sicht teilen wollen: Schreiben Sie uns.